Fotografien|gedichte

Remembrance

In Flanderns Feldern

John McCrae (1915)

 

In Flanderns Feldern blüht der Mohn

Zwischen Kreuzen, Glied in Glied,

Und weit, weit über uns da fliegt

Eine Lerche, kaum vernommen

In einer Welt, die sich bekriegt.

 

Wir sind die Toten. Lang ist es nicht

Da lebten wir in des Tages Licht,

Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir

In Flanderns Feldern,

Führt fort die Wehr gegen den Feind.

 

Nehmt aus unserer fahlen Hand

Die Fackel, und seid das Licht, das scheint.

Verwehrt uns diese Bitte nicht

Auf dass wir ruhen, wenn die Blüte bricht

In Flanderns Feldern.

Moonlight

An den Mond

Johann Wolfgang Goethe (1778)

 

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz;

 

Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick,

Wie des Freundes Auge mild

Über mein Geschick.

 

Jeden Nachklang fühlt mein Herz

Froh- und trüber Zeit,

Wandle zwischen Freud' und Schmerz

In der Einsamkeit.

 

Fließe, fließe, lieber Fluß!

Nimmer werd' ich froh;

So verrauschte Scherz und Kuß

Und die Treue so.

 

Ich besaß es doch einmal,

was so köstlich ist!

Daß man doch zu seiner Qual

Nimmer es vergißt!

 

Rausche, Fluß, das Tal entlang,

Ohne Rast und Ruh,

Rausche, flüstre meinem Sang

Melodien zu!

 

Wenn du in der Winternacht

Wütend überschwillst

Oder um die Frühlingspracht

Junger Knospen quillst.

 

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt,

Einen Freund am Busen hält

Und mit dem genießt,

 

Was, von Menschen nicht gewußt

Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

To the Beyond

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Clemens Brentano (1811)

 

Hörst du wie die Brunnen rauschen,

Hörst du wie die Grille zirpt?

Stille, stille, laß uns lauschen,

Selig, wer in Träumen stirbt.

Selig, wen die Wolken wiegen,

Wem der Mond ein Schlaflied singt,

O wie selig kann der fliegen,

Dem der Traum den Flügel schwingt,

Daß an blauer Himmelsdecke

Sterne er wie Blumen pflückt:

Schlafe, träume, flieg’, ich wecke

Bald Dich auf und bin beglückt.

Die Loreley

Die Lore-Ley

Heinrich Heine (1824)

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin;

Ein Mährchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Rhein;

Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar

Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr gold’nes Haar.

 

Sie kämmt es mit gold’nem Kamme,

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewaltige Melodei.

 

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh’.

 

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lore-Ley gethan.

Das Tränenkrüglein

Das Tränenkrüglein

Ludwig Bechstein (1845)

 

Es waren einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte das Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen, und konnte ohne das Kind nicht leben und nicht sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter den Kindern und erfaßte auch jenes Kind, daß es auf sein Lager sank und zum Tod erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kinde, aber es starb. Da erfaßte die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie aß nicht und trank nicht und weinte weinte weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören, und rief nach ihrem Kinde. Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß, an der Steile, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Türe auf, und die Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Das war ein seliges Englein geworden und lächelte süß wie die Unschuld und schön wie Verklärung. Es trug aber in seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: "0 lieb Mütterlein, weine nicht mehr um mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast; der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinest, so wird das Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grabe und keine Seligkeit im Himmel. Darum, o lieb Mütterlein, weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohl aufgehoben, ist glücklich, und Engel sind seine Gespielen." Damit verschwand das tote Kind und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr. Um des Kindes Grabesruhe und Himmelsfrieden nicht zu stören, um des Kindes Seligkeit willen weinte sie keine Träne mehr, bezwang sie ihren ungeheuern tiefen Seelenschmerz. So stark und mächtig ist Mutterliebe!

Die Schlacht der Dichter

Die folgenden Gedichte sind durch die Rheinkrise von 1840 entstanden, die durch den französischen Premierminister Adolphe Thiers verursacht wurde, der erneut forderte, dass Frankreich das linke Rheinufer besitzen sollte (beschrieben als Frankreichs "natürliche Grenze).

Gauche du Rhin

„Der freie Rhein"

Nikolaus Becker (1840)

An Alphons de Lamartine

 

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Ob sie wie gier'ge Raben

Sich heiser danach schrein,

 

So lang er ruhig wallend

Sein grünes Kleid noch trägt,

So lang ein Ruder schallend

In seine Woge schlägt!

 

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

So lang sich Herzen laben

An seinem Feuerwein;

 

So lang in seinem Strome

Noch fest die Felsen stehn,

So lang sich hohe Dome

In seinem Spiegel sehn!

 

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

So lang dort kühne Knaben

Um schlanke Dirnen frein;

 

So lang die Flosse hebet

Ein Fisch auf seinem Grund,

So lang ein Lied noch lebet

In seiner Sänger Mund!

 

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Bis seine Flut begraben

Des letzten Manns Gebein!

„Der Deutsche Rhein”

Alfred de Musset (1841)

Antwort auf das Gedicht von Nikolaus Becker

 

Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.

In unserm Glas sahn wir ihn funkeln.

Mit eures Schlagers Prahlerein

Wollt ihr die stolze Spur verdunkeln,

Die unsrer Rosse Huf grub euch ins Blut hinein?

 

Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.

In seiner Brust klafft eine Wunde.

Das Kleid mit seinem grünen Schein

Zerriß Condé in stolzer Stunde.

Wo Väter eingekehrt, kehrt leicht der Sohn auch ein.

 

Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.

Wo waren die Germanensitten,

Als über eure Länderein

Des mächtgen Kaisers Schatten glitten?

Wo denn liegt eingesargt des letzten Manns Gebein?

 

Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.

Habt ihr das Weltgeschehn vergessen,

So dachten eure Jüngferlein

Um so viel mehr an uns indessen.

Sie füllten uns den Krug mit eurem kleinen Wein.

 

Gehört er euch denn, euer deutscher Rhein,

Wascht die Livree darin bescheiden;

Doch mäßigt euer stolzes Schrein.

Wieviele Raben, auszuweiden

Den todeswunden Aar, mögt ihr gewesen sein?

 

Laßt friedlich fließen euern deutschen Rhein;

Er spiegele geruhsam wider

Der Dome gotisches Gestein;

Doch hütet euch, durch trunkne Lieder

Von ihrem blutgen Schlaf die Toten zu befrein.

„Ein Wintermärchen”

Heinrich Heine (1843)

Antwort auf die Gedichte Becker und Musset

 

Und als ich an die Rheinbrück' kam,

Wohl an die Hafenschanze,

Da sah ich fließen den Vater Rhein

Im stillen Mondenglanze.

 

»Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,

Wie ist es dir ergangen?

Ich habe oft an dich gedacht

Mit Sehnsucht und Verlangen.«

 

So sprach ich, da hört ich im Wasser tief

Gar seltsam grämliche Töne,

Wie Hüsteln eines alten Manns,

Ein Brümmeln und weiches Gestöhne:

 

»Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb,

Daß du mich nicht vergessen;

Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,

Mir ging es schlecht unterdessen.

 

Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,

Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!

Doch schwerer liegen im Magen mir

Die Verse von Niklas Becker.

 

Er hat mich besungen, als ob ich noch

Die reinste Jungfer wäre,

Die sich von niemand rauben läßt

Das Kränzlein ihrer Ehre.

 

Wenn ich es höre, das dumme Lied,

Dann möcht ich mir zerraufen

Den weißen Bart, ich möchte fürwahr

Mich in mir selbst ersaufen!

Daß ich keine reine Jungfer bin,

Die Franzosen wissen es besser,

Sie haben mit meinem Wasser so oft

Vermischt ihr Siegergewässer.

 

Das dumme Lied und der dumme Kerl!

Er hat mich schmählich blamieret,

Gewissermaßen hat er mich auch

Politisch kompromittieret.

 

Denn kehren jetzt die Franzosen zurück,

So muß ich vor ihnen erröten,

Ich, der um ihre Rückkehr so oft

Mit Tränen zum Himmel gebeten.

 

Ich habe sie immer so liebgehabt,

Die lieben kleinen Französchen –

Singen und springen sie noch wie sonst?

Tragen noch weiße Höschen?

 

Ich möchte sie gerne wiedersehn,

Doch fürcht ich die Persiflage,

Von wegen des verwünschten Lieds,

Von wegen der Blamage.

 

Der Alfred de Musset, der Gassenbub',

Der kommt an ihrer Spitze

Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor

All seine schlechten Witze.«

 

So klagte der arme Vater Rhein,

Konnt sich nicht zufriedengeben.

Ich sprach zu ihm manch tröstendes Wort,

Um ihm das Herz zu heben:

»O fürchte nicht, mein Vater Rhein,

Den spöttelnden Scherz der Franzosen;

Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,

Auch tragen sie andere Hosen.

 

Die Hosen sind rot und nicht mehr weiß,

Sie haben auch andere Knöpfe,

Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,

Sie senken nachdenklich die Köpfe.

 

Sie philosophieren und sprechen jetzt

Von Kant, von Fischte und Hegel,

Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,

Und manche schieben auch Kegel.

 

Sie werden Philister ganz wie wir,

Und treiben es endlich noch ärger;

Sie sind keine Voltairianer mehr,

Sie werden Hengstenberger.

 

Der Alfred de Musset, das ist wahr,

Ist noch ein Gassenjunge;

Doch fürchte nichts, wir fesseln ihm

Die schändliche Spötterzunge.

 

Und trommelt er dir einen schlechten Witz,

So pfeifen wir ihm einen schlimmern,

Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert

Bei schönen Frauenzimmern.

 

Gib dich zufrieden, Vater Rhein,

Denk nicht an schlechte Lieder,

Ein besseres Lied vernimmst du bald –

Leb wohl, wir sehen uns wieder.«

Napoléon Bonaparte

Napoleon

 

«Mein Ruhm ist nicht, vierzig Schlachten gewonnen zu haben; Waterloo wird die Erinnerung an so viele Siege auslöschen; Was aber durch nichts ausgelöscht werden wird, was ewig leben wird, das ist mein Code Civil».

 

– Napoléon Bonaparte, Arrêté consulaire vom 24. thermidor des Jahres VIII (13. August 1800)

 

 

CODE CIVIL

 

• Freiheit für jeden

• Gewerbefreiheit und freie Berufswahl

• Abschaffung des Zunftzwangs

• Gleichheit vor dem Gesetz

• Laizismus: vollkommene Trennung zwischen Kirche und Staat

• Schutz des Privateigentums

• Schaffung der juristischen Basis für die Marktwirtschaft

• Aufzeichnung von Geburten und Todesfällen (Personenstandswesen)

Liebe Glaube Hoffnung

Hoffnung

Friedrich von Schiller (1797)

 

Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen,

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen.

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

 

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

Den Jüngling locket ihr Zauberschein,

Sie wird mit dem Greis nicht begraben,

Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,

Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

 

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,

Erzeugt im Gehirne des Toren,

Im Herzen kündet es laut sich an:

Zu was Besserm sind wir geboren!

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Circle of Unity

Simphonie

Clemens Brentano (1778-1842)

 

Ruhe! - die Gräber erbeben;

Ruhe! - und heftig hervor

Stürzt aus der Ruhe das Leben,

Strömt aus sich selbsten empor

Die Menge, vereinzelt im Chor.

 

Schaffend eröffnet der Meister

Gräber - Geborener Tanz

Schweben die tönenden Geister;

Schimmert im eigenen Glanz

Der Töne bunt wechselnder Kranz.

 

Alle in einem verschlungen,

Jeder im eigenen Klang,

Mächtig durchs Ganze geschwungen,

Eilet der Geister Gesang

Gestaltet die Bühne entlang.

 

Heilige brausende Wogen,

Ernst und wollüstige Glut

Strömet in schimmernden Bogen,

Sprühet in klingender Wut

Des Geistertanz silberne Flut.

 

Alle in einem erstanden,

Sind sie sich selbst nicht bewußt

Daß sie sich einzeln verbanden;

Fühlt in der eigenen Brust

Ein jeder vom Ganzen die Lust.

 

Aber im inneren Leben

Fesselt der Meister das Sein;

Läßt sie dann ringen und streben;

Handelnd durcheilet die Reihn

Das Ganze im einzelnen Schein.

Grenzgänger

Friedrich Schlegel (1803)

 

"Nirgends werden die Erinnerungen an das, was die Deutschen einst waren, und was sie sein könnten, so wach, als am Rheine. Der Anblick dieses königlichen Stromes muß jedes deutsche Herz mit Wehmut erfüllen […] Hier wäre der Ort, wo eine Welt zusammenkommen und von hieraus übersehen und gelenkt werden könnte, wenn nicht eine enge Barriere die sogenannte Hauptstadt umschränkte, sondern statt der unnatürlich natürlichen Grenze und der kläglich zerrißnen Einheit der Länder und Nationen, eine Kette von Burgen, Städten und Dörfern längst dem herrlichen Strome wiederum ein Ganzes und gleichsam eine größere Stadt bildeten, als würdigen Mittelpunkt eines glücklichen Weltteils.”

Der Klang der Zeit

Hermann Hesse (1877-1962)

 

„Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei. Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön! Sei nicht du selbst, sei Lügner und Feigling, so ist die Welt arm und scheint der Verbesserung bedürftig.”

 

Politische Betrachtungen, Gesammelte Werke Bd. 10

Imperfect

Ich liebe dich, du sanftes Gesetz

Rainer Maria Rilke (1899)

 

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,

an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;

du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,

du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,

du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,

du dunkles Netz,

darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

 

Du hast dich so unendlich groß begonnen

an jenem Tage, da du uns begannst, -

und wir sind so gereift in deinen Sonnen,

so breit geworden und so tief gepflanzt,

dass du in Menschen, Engeln und Madonnen

dich ruhend jetzt vollenden kannst.

 

Lass deine Hand am Hang der Himmel ruhn

und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

Mädchenaugen

Bettine Brentano, später von Arnim

Brief an Friedrich Carl von Savigny (1800)

 

„Dass ich traurig bin, kannst Du Dir wohl leicht erklären – so viel Lebenskraft und Muth zu haben, und keine Mittel, ihn anzuwenden! Wie mag es einem großen Krieger zu Mut sein, dem das Herz glühet zu großen Unternehmungen und Taten, und der in der Gefangenschaft ist, mit Ketten beladen, an keine Rettung denken darf! Mir überwältigt diese immerwärende rastlose Begier nach Wirken oft die Seele, und bin doch nur ein einfältig Mädgen, deren Bestimmung ganz anders ist. Wenn ich so denke, dass gestern ein Tag war wie heute einer ist, und morgen einer sein wird, und wie schon viele waren, und noch viele sein werden, so wird es mir oft ganz dunkel vor den Sinnen, und ich kann mir selbst kaum denken, wie unglücklich mich das machen wird, nie in ein Verhältnis zu kommen, worinnen ich meiner Kraft gemäß wirken kann.“

 

 

Karoline von Günderrode (1780-1806)

 

„Ich suche in der Poesie wie in einem Spiegel mich zu sammeln mich selber zu schauen und durch mich durch zugehen in eine höhere Welt...“

Morgenröte

Zur Freiheit nicht reif?

Immanuel Kant (1798)

 

"Ich gestehe, dass ich mich in dem Ausdruck, dessen sich wohl auch kluge Männer bedienen, nicht wohl finden kann: ein gewisses Volk (was in der Bearbeitung einer gesetzlichen Freiheit begriffen ist) ist zur Freiheit nicht reif; die Leibeigenen eines Gutseigentümers sind zur Freiheit noch nicht reif; und so auch: die Menschen überhaupt sind zur Glaubensfreiheit noch nicht reif.

Nach einer solchen Voraussetzung aber wird die Freiheit nie eintreten; denn man kann zu dieser nicht reifen, wenn man nicht zuvor in Freiheit gesetzt worden ist (man muss frei sein, um sich seiner Kräfte in der Freiheit zweckmäßig bedienen zu können). Die ersten Versuche werden freilich roh, gemeiniglich auch mit einem beschwerlicheren und gefährlicheren Zustande verbunden sein, als da man noch unter den Befehlen, aber auch der Vorsorge anderer stand; allein man reift für die Vernunft nie anders als durch eigene Versuche (welche machen zu dürfen, man frei sein muss)."

 

Immanuel Kant, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Hg. von Klaus Vorländer, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1956, S. 212 (In der Originalausgabe von 1798 S. 291/292)

Die Weise

Wer Weisheit nur aus Büchern lernt

Friedrich von Bodenstedt (um 1858)

 

Wer Weisheit nur aus Büchern lernt

Und selbst nicht weise denkt und lebt,

Wird immer mehr von ihr entfernt,

Je mehr er ihr zu nahen strebt.

 

Das Leben soll die Erde sein,

darin die Weisheit Wurzeln schlägt,

Und pflanzt ihr hier den Kern nicht ein,

Wächst auch kein Baum, der Früchte trägt.

 

Euphony

Aus alten Märchen winkt es

Heinrich Heine (1822)

 

Aus alten Märchen winkt es

Hervor mit weißer Hand,

Da singt es und da klingt es

Von einem Zauberland:

 

Wo große Blumen schmachten

Im goldnen Abendlicht,

Und zärtlich sich betrachten

Mit bräutlichem Gesicht; -

 

Wo alle Bäume sprechen

Und singen, wie ein Chor,

Und laute Quellen brechen

Wie Tanzmusik hervor; -

 

Und Liebesweisen tönen,

Wie du sie nie gehört,

Bis wundersüßes Sehnen

Dich wundersüß betört!

 

Ach, könnt ich dorthin kommen,

Und dort mein Herz erfreun,

Und aller Qual entnommen,

Und frei und selig sein!

 

Ach! jenes Land der Wonne,

Das seh ich oft im Traum;

Doch kommt die Morgensonne,

Zerfließts wie eitel Schaum.

Siegfried

Siegfrieds Schwert

Ludwig Uhland (1812)

 

Jung Siegfried war ein stolzer Knab’,

Ging von des Vaters Burg herab.

 

Wollt’ rasten nicht in Vaters Haus,

Wollt’ wandern in alle Welt hinaus.

 

Begegnet’ ihm manch Ritter wert

Mit festem Schild und breitem Schwert.

 

Siegfried nur einen Stecken trug;

Das war ihm bitter und leid genug.

 

Und als er ging im finstern Wald,

Kam er zu einer Schmiede bald.

 

Da sah er Eisen und Stahl genug;

Ein lustig Feuer Flammen schlug.

 

„O Meister, liebster Meister mein!

Laß du mich deinen Gesellen sein!

 

Und lehr’ du mich mit Fleiß und Acht,

Wie man die guten Schwerter macht!“

 

Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt’.

Er schlug den Amboß in den Grund.

 

Er schlug, daß weit der Wald erklang

Und alles Eisen in Stücke sprang.

 

Und von der letzten Eisenstang’

Macht’ er ein Schwert so breit und lang.

 

„Nun hab’ ich geschmiedet ein gutes Schwert,

Nun bin ich wie andre Ritter wert.

 

„Nun schlag’ ich wie ein andrer Held

Die Riesen und Drachen in Wald und Feld.“

Rheingold

Gegenwart

Johann Wolfgang von Goethe (1813)

 

Alles kündet dich an!

Erscheinet die herrliche Sonne,

Folgst du, so hoff ich es, bald.

 

Trittst du im Garten hervor,

So bist du die Rose der Rosen,

Lilie der Lilien zugleich.

 

Wenn du im Tanze dich regst,

So regen sich alle Gestirne

Mit dir und um dich umher.

 

Nacht! und so wär es denn Nacht!

Nun überscheinst du des Mondes

Lieblichen, ladenden Glanz.

 

Ladend und lieblich bist du,

Und Blumen, Mond und Gestirne

Huldigen, Sonne, nur dir.

 

Sonne! so sei du auch mir

Die Schöpferin herrlicher Tage;

Leben und Ewigkeit ist′s.

Naturalised

Novalis (1772-1801)

 

Was passt, das muss sich ründen,

Was sich versteht, sich finden,

Was gut ist, sich verbinden,

Was liebt, zusammensein.

Was hindert, muss entweichen,

Was krumm ist, muss sich gleichen,

Was fern ist, sich erreichen,

Was keimt, das muss gedeihn.

 

Gib traulich mir die Hände,

Sei Bruder mir und wende

Den Blick vor Deinem Ende

Nicht wieder weg von mir.

Ein Tempel – wo wir knieen

Ein Ort – wohin wir ziehen

Ein Glück – für das wir glühen

 

 

 

Projekt Rheinneland

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